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Zu Adolf von Hildebrands wiederentdecktem Bildnis Julius Böhlers  
 

 

 

Zur Blüte Münchens als Kunststadt um 1900 trug neben Akademie, regem Atelierbetrieb und den internationalen Ausstellungen auch der florierende Markt historischer und aktueller Kunst bei. Im Jahre 1880 begründete Julius Böhler (1860-1934) seine heute in fünfter Generation und seit 2004 am Starnberger See geführte Kunsthandlung, die einen wachsenden Sammlerkreis aus Großbürgertum und expandierenden Museen vor allem mit alter Kunst versorgte. Das repräsentative Geschäftshaus in der Brienner Straße, erbaut durch Gabriel von Seidl, den Architekten auch des Bayerischen Nationalmuseums, besuchten gekrönte und ungekrönte Häupter des internationalen (Geld-) Adels. Kronprinz Rupprecht von Bayern etwa korrespondierte mit Adolf von Hildebrand (1847-1921) über Bildwerke, angeboten durch Böhler, den Kaiserlichen und Königlich Bayerischen Hofantiquar, und doch unbedingt für die Alte Pinakothek zu erwerben.

Hildebrand selbst, der führende Künstler und Theoretiker einer neuklassizistischen Bildhauerei, war 1889 aus seinem idyllischen Klosteratelier bei Florenz nach München übersiedelt, um seitdem in zahlreichen Denkmälern und Brunnen einer Kunst im öffentlichen Raum neuen Ausdruck zu verleihen. Doch welchem Münchener Flaneur verbindet sich heute noch sein Name mit städtebaulichen Akzenten wie dem Wittelsbacher- oder dem Hubertus-Brunnen? Wer weiß um das Schicksal des Reinhard-Brunnens auf der Isarinsel, nach dem Ersten Weltkrieg im wieder französischen Strasbourg abgeräumt und 1929 nach München verkauft? Das damals irritierend moderne Reiterdenkmal des Prinzregenten vor dem Nationalmuseum, schlicht und klar in der Form, erklärt schon in seinem gänzlichen Mangel an zeittypischem Pathos, warum Hildebrands früherer Wettbewerbserfolg um das Berliner Nationaldenkmal durch Kaiser Wilhelm II. hintertrieben wurde. Dessen schließlich siegreichem Favoriten und neubarockem Hildebrand-Gegenspieler, Reinhold Begas, widmet übrigens gegenwärtig das Deutsche Historische Museum eine Ausstellung, die einer künstlerischen Rehabilitierung jenes Denkmalschöpfers allerdings wohl eher einen Bärendienst erweist. Anders als Begas war Hildebrand nie gewandter Diener, sondern geschätzter Vertrauter, gar Freund der Mächtigen seiner Zeit. Die kunstverständigen unter ihnen suchten seine Nähe ebenso wie die bürgerlichen Kunstliebhaber. 

So war es denn fast selbstverständlich, daß auch Julius Böhler sich 1917 durch ihn porträtieren ließ. Der ausdrucksvolle Kopf mit wachem Blick und sprechendem Mund blieb als lebensgroßer und bronzierter Gips fast einhundert Jahre im Besitz der Böhler-Nachfahren. Der Name seines Schöpfers jedoch hatte sich verloren. Am vergangenen Dienstag wurde das unerkannte Werk, vermutlich ein Unikat, in einer Versteigerung des Auktionshauses Nusser für einen geringen Betrag an die LETTER Stiftung in Köln abgegeben; diese nimmt seit kurzem die Aufgaben der einstigen Hildebrand-Stiftung wahr. In München selbst stellt die Neue Pinakothek, die Hildebrands Ateliernachlaß seiner Gipsmodelle bewahrt, neuerdings vermehrt aus diesem Fundus aus. Und im umfangreichen Zeichnungs- und Photobestand der Technischen Universität haben sich immerhin drei historische Aufnahmen des bislang verschollenen Porträts erhalten. Was wieder einmal zeigt, daß akribische Forschung und Aufmerksamkeit gegenüber dem Angebot des Kunstmarktes stets überraschende Wiederentdeckungen erlauben. Hildebrand übrigens, mehr Bildhauer als Profiteur, soll sich seinerzeit von Böhler einen antiken Marmortorso als Honorar erbeten haben.

(16.02.2011)

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Eine neuerworbene Zeichnung Hildebrands im Architekturmuseum der TU Berlin

Unlängst gelang dem Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin die Erwerbung einer bislang unbekannten Handzeichnung Adolf von Hildebrands.*

 

1889 beteiligte sich der Künstler am ausgeschriebenen Wettbewerb um ein Berliner Nationaldenkmal für den im Vorjahr verstorbenen Kaiser Wilhelm I. Da Hildebrand das Projekt seit Sommer des Jahres 1888 zeichnerisch vorbereitete, dürfte die 16,0 x 33,0 cm große Federzeichnung über Bleistift entweder noch aus diesem Jahre oder von Anfang 1889 datieren. Sie gibt die Gesamtansicht des als Kuppelbau konzipierten Denkmals in derselben Situierung wieder wie seine im Werkverzeichnis von Sigrid Esche-Braunfels (S. 469) abgebildete Reinzeichnung für die Wettbewerbseinreichung.  

In seinem Entwurf strebte Hildebrand die vollkommene Durchdringung von Architektur und Bildhauerei im überhöhenden Sinne einer nationalen Idee an und traf damit den Geschmack der Jury, die ihm im ersten Durchgang den ersten Preis zuerkannte. Im zweiten Durchgang mußte sich Hildebrand dann jedoch den zweiten Preis mit drei anderen Künstlern teilen, und des Dargestellten Neffe, Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich, entschied sich letztlich für das Denkmalkonzept seines Favoriten Reinhold Begas, der sich nicht unter den Preisträgern befunden hatte.

Im Vorlauf zur Auktion informierte LETTER Stiftung einige als Erwerber dieser Zeichnung in Betracht kommende, öffentliche Sammlungen. Aus demselben historischen Vorbesitz (Hildebrands Schwager, Staatssekretär Paul David Fischer) stammt ein auf dieser Auktion angebotenes Konvolut (Lot 298) von acht Zeichnungen, darunter Karikaturen, die einstweilen kein Käuferinteresse fanden.

 * Auktion 636 des Auktionshauses Leo Spik, Berlin, am 02.12.2010, Lot 297.

(06.01.2011)

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Im Jahre 1994 gründete sich aus dem Familienkreis des Künstlers in München die

 Hildebrand-Stiftung

mit dem Ziel, die wissenschaftliche Kenntnis und die öffentliche Wahrnehmung von Leben und Werk des Bildhauers Adolf von Hildebrand (1847-1921) zu fördern. Nach siebzehn Jahren ihres fruchtbaren Wirkens hat sich die Hildebrand-Stiftung mit Vorstandsbeschluß vom Dezember 2010 aufgelöst und zugleich die künftige Wahrnehmung ihrer satzungsgemäßen Aufgaben der in Köln ansässigen LETTER Stiftung übertragen.

Allgemeine Informationen zur Hildebrand-Stiftung finden sich im Internet weiterhin an dieser Stelle, zu LETTER Stiftung unter www.letter-stiftung.de.

Zählt LETTER Stiftung ohnedies seit langem die Bildhauerei zwischen etwa 1780 und den frühen 1930er Jahren unter ihre wissenschaftlichen und Sammlungsschwerpunkte, so wird sie nunmehr schwerpunktmäßig auch die Dokumentation zu Leben und Werk Adolf von Hildebrands weiterführen. Hierzu erbitten wir die freundliche Unterstützung aller öffentlichen wie privaten Sammlungen und Archive; jede Information wird dankbar entgegengenommen und in unseren Dokumentationen aktualisiert. 

Derzeit entsteht der Eintrag zu Adolf von Hildebrand im Allgemeinen Künstler-Lexikon.

Selbstverständlich stehen wir gleichzeitig gerne und jederzeit als Ansprechpartner in Fragen zu Werk und Wirkung des Bildhauers zur Verfügung.

(03.01.2011)

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Im Anhang dieser Website findet sich der ungekürzte Text von
Hildebrands Schrift"Das Problem der Form in der bildenden Kunst",
3. Auflage, Straßburg 1901, Heitz & Mündel.

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